Was mache ich hier eigentlich? Oder: die befreiende Wirkung der eigenen Rollenklarheit

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ heißt ein bekannter Bestseller von Richard David Precht aus dem Jahr 2012, in dem Precht den Leser mit auf eine Reise durch die Welt der Philosophie nimmt. Die gleiche Frage scheinen sich viele Führungskräfte zu stellen, wenn sie das erste Mal mit dem Begriff der Rolle konfrontiert sind. Erst recht, wenn sie hören, dass sie jeden Tag zahlreiche unterschiedliche Rollen haben sollen.

Der Begriff Rolle erinnert uns häufig zuerst an das Theater oder an bekannte Schauspieler, die für das große Erlebnis auf der Kinoleinwand in immer neue Rollen schlüpfen. Deshalb begegnen viele Führungskräfte diesem Begriff auch zunächst einmal mit Widerstand. Sie wollen keine Rolle spielen, erst recht nicht mehrere, denn die Frage ist: Bin ich dann überhaupt noch ich? Und bin ich nicht eigentlich immer ich?

 

Rollen sind ein Hilfsmittel zur Klärung von sozialen Beziehungen

Der Begriff der Rolle, wie er in den Sozialwissenschaften verwendet wird, hat jedoch mit diesem Spielen wenig zu tun. Er bezeichnet vielmehr ein soziales Konstrukt, das hilfreich ist, um sich mit Erwartungen auseinander zu setzen. Diese Erwartungen sind sowohl die eigenen, als auch die der anderen. Erwartungen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind an Personen, Situationen und Aufgaben geknüpft. Das alles ist alltägliche Erfahrung. Was bringt dann der Blick auf die eigenen Rollen? In einem Wort und vielleicht etwas philosophisch ausgedrückt: Freiheit!

Rolle Führungskraft – ein Inselbild

Ein Bild, das ich gerne verwende, um das Konzept der unterschiedlichen Rollen zu erklären, ist das einer Inselgruppe. Im Zentrum der Gruppe steht die Person, in unserem Fall meistens eine Führungskraft. Die Hauptinsel beherbergt alles, was diese Person insgesamt ausmacht: die grundlegenden Erfahrungen, die sie gemacht hat, ihre Werte, ihre Eigenschaften, kurz gefasst: ihre Identität. Soziale Rollen lassen sich nun als äußerer Ring um diese Hauptinsel herum beschreiben. Sie stehen in ständiger Verbindung, liegen aber dennoch etwas außerhalb.

Diese Konstruktion entsteht durch soziale Aushandlungsprozesse der Person mit ihrer Umwelt. So ist beispielsweise Herr Klarkopf zunächst ein Individuum, also eine einzigartige Person. Seine Tätigkeit als Führungskraft beschreibt eine soziale Rolle, die Herr Klarkopf in seinem Unternehmen gegenüber Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeitern einnimmt. Diese Rolle Führungskraft ist das Ergebnis der alltäglichen Aushandlungen zwischen Herrn Klarkopf und eben diesen Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeitern darüber, was Herr Klarkopf in verschiedenen Situationen im Unternehmen tun soll und muss und dem was er tun kann und auch will. Entsprechend enthält das Bild der Inselgruppe einen weiteren Ring mit all den Personen und Personengruppen unserer Umwelt.

Experimentieren und verhandeln Sie Ihre Rollen!

Zu Ihrem Umgang mit den Rollen können Sie einen kleinen Selbstversuch starten, indem Sie sich vor ihren nächsten Terminen Ihre Rolle für sich klar definieren:

  • In welcher Rolle gehe ich dorthin?
  • Wie möchte ich diese Rolle füllen?
  • Was erwarten die anderen von mir und wie gehe ich damit um?
  • Wozu verpflichtet mich diese Rolle nicht?

Für die meisten Führungskräfte schafft diese Übung, die irgendwann selbstverständlich abläuft, mehr Klarheit und damit auch Entspannung in der Situation. Denn die bewusste Übernahme einer Rolle ist eine Entscheidung – und die sind meist ungemein befreiend.

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