Führen in Führungen – Einmal Venedig und zurück

Urlaub, neue Eindrücke, Führungen durch historische Stätten – da hat es mich wieder gepackt! Mein Thema Führung. Ich habe beobachtet, wie Touristenführer Gruppen führen. Jeder hat sicher schon gute und schlechte Führungen erlebt. Was macht den Unterschied?

Erste Erfahrung auf Kreta:

Christos stellt sich vor als Person, seine Familie, wo er lebt, damit – wie er selber sagt, Sie mich als Person wahrnehmen und nicht nur als Stimme über den Knopf im Ohr– und das er Archäologie studiert hat. Für mich die Botschaft – ich weiß vorüber ich rede.

Die Führung folgt dem Inhalt des Führers, den ich im Anschluss kaufe. Viele Daten und historische Verbindungslinien in einem fassbaren Maße – wenn man die Geschichte halbwegs kennt. In der Gruppe sind etwa 60 % Nichteuropäer. Das wird nicht abgefragt. Dazu Interpretationen als Realität. Bei meiner Rückfrage, wie man denn sicher sein könne, dass die Nutzung von Räumen genauso stattgefunden habe, wie er es uns darstellt, ist seine Antwort, dass er diese Variante liebe. Es gäbe auch andere. Er zählt sie dann auf. Knossos und das Labyrinth des Minotaurus haben die Forscher herausgefordert. War der Palast das Labyrinth? Der Blick von oben auf das Ausgrabungsfeld lässt die Interpretation eines Labyrinthes zu. Ein großes Gebäude darin mag ein Palast gewesen sein – aber wessen? Der eines Königs, eines Priesters …?

Christos hat offensichtlich eine gute Mischung von Facts and Fiction angeboten und damit das Interesse der Gruppe geweckt, Jedenfalls schwärmen die Teilnehmer in der letzten halben Stunde aus, um sich einige Dinge genauer anzusehen – und sind pünktlich wieder am Treffpunkt.

Zweite Erfahrung in Israel:

Eda, eine junge Frau. Mein erster Eindruck, die ist verzweifelt, zerrissen zwischen Verpflichtung und Leben wollen. Und dann stellt sie sich vor mit: „Ich war in Australien und bin zurückgekommen, weil ich es nicht ausgehalten habe, ich kann nichts gegen meine Heimat tun“, und als ehemalige Soldatin bei der Luftwaffe, als Mitglied einer Einwandererfamilie. Die Großmutter in den 1930er Jahren aus Irak eingewandert ist.

Damit sind wir angekommen mitten in Israel. Sie führt die Gruppe durch die kleinen Straßen von Yaffo und gleichzeitig durch die Geschichte Israels und der Urbanisierung von Tel Aviv – immer wieder angebunden an die Geschichte der Frauen ihrer Familie. Eine beeindruckende Jonglage. Dabei hat sie persönliche Fragen geschickt umschifft und nicht beantwortet. Die Geschichte ihrer Familie gehört zur Rolle Touristenführerin, ihre Person nicht. Die Trennung ist für mich nicht ganz überzeugend.

Dritte Erfahrung auch in Israel:

Yehuda. Er stellt sich vor mit seinem Namen und im selben Atemzug: ich bin ehemaliger Polizist und Militär, heute führe ich Gäste. Ich mag mein Land und zeige es gerne anderen Menschen. Wer seid ihr?

Dann führt Yehuda uns 4 Stunden zu Fuß durch die Altstadt von Haifa. Sein Auftrag ist uns zu zeigen, was ihm wichtig ist. Auch hier Einwanderungsgeschichte sichtbar an der Stadtentwicklung, an der deutsche Einwanderer Ende des 19. Jahrhunderts einen prägenden Anteil hatten. Er verknüpft die Themen, die ihm wichtig sind mit denen, von denen er annimmt, dass sie uns so wichtig sein könnten, dass wir sie uns erlaufen mögen. Zum Schluss nimmt er uns mit zu einem arabischen Freund zum Humus essen. Wir haben uns sein Vertrauen erlaufen.

Vierte Erfahrung auf Zypern:

Ioanna, eine junge Frau mit einem Stapel Papier unter den Arm. Sie nennt ihren Namen und erläutert gleich, was sie mit uns vorhat. Powerpoint mündlich. Und von diesem Moment hat sie nicht mehr aufgehört zu reden. Zahlen, Daten Fakten und wenn eine Pause zu entstehen drohte, fiel ihr wieder etwas ein – oder sie blätterte in den Kopien, die sie dabei hatte -auch noch als auf der Rückfahrt fast alle im Bus schliefen.

Mein Fazit: Führungen und Führungskräfte

Führung ist Beziehungsarbeit – auch in touristischen Führungen. Beziehung herstellen, sich selbst und das Gegenüber wahr- und ernstnehmen ist eine Erfolgsbedingung – wie in jeder anderen Führungssituation. Gelingt es dem Führer, der Führerin eine Beziehung zur Gruppe als Ganzes herzustellen, entsteht eine Dynamik zwischen Informationen und Interesse. Führungen sind ein wunderbares Feld, das Führungsverhalten anderer Menschen und meine eigene Reaktion darauf zu beobachten. Feldstudien sozusagen. Ich als mein eigenes Beobachtungsobjekt. Meine Reaktionen als Folge des Führungsverhaltens eines Touristenführers.

Zu abgedreht? Versuchen Sie es. Ganz entspannt zuschauen, wie andere arbeiten und wie deren Arbeit auf Sie wirkt. Anregend, motivierend oder einschläfernd? Wie würden Sie es machen? Der Arbeitsalltag kommt schneller als erwartet.

Machen Sie es gut, machen Sie es besser!

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