Geschäftsstrategie gegen den Strich gebürstet – Nutzerorientierung im Fokus

In den letzten Tagen habe ich ein Buch zur Digitalisierung entdeckt, das sich wohltuend abhebt von der Menge der viel gelobten, hoch gerankten Ratgeber, Methodenbücher etc.

Einen Argumentationsstrang fand ich besonders spannend. Denn, wenn ich ihn ernst nehme, verändert er meinen Blick auf Strategie:

Nutzer vs. Besitzer

Ingo Radermacher, schlägt in „Digitalisierung selbst denken“ einen Paradigmenwechsel beim Blick auf den Besitz vor. Es gab eine Zeit, in der sich Menschen über den Besitz z.B. eines Autos definiert haben, oder über eine Schallplattensammlung.

Heute gibt es die Möglichkeit des Carsharings und Musikstreamings. Beim Carsharing brauche ich keinen eigenen Parkplatz mehr und zahle nur noch die Sharinggebühren. Bei der Nutzung von Streamingdiensten brauche ich keine Regale oder Lagerfläche mehr für die Hardcopies und auch hier zahle ich – wenn überhaupt – Nutzungsgebühren. Ich bin Nutzer und kein Besitzer.

Unternehmen leasen Gebäude und Maschinen, die Software liegt in der Cloud. Die Aktualisierungen sind Bestandteil der Nutzungsverträge.

Bei der zu beobachtenden Beschleunigung der technischen Innovationen wird der Besitz unattraktiv, weil technische Ausrüstung und Software schnell veralten, aktualisiert oder ersetzt werden müssen.

Konzentriert sich die klassische Strategie auf die Kernkompetenzen eines Unternehmens, und entwickelt diese weiter, entsteht daraus ein unverwechselbares Ökosystem aus Unternehmenskultur, Produkten etc.

Der Blick auf die Unternehmensstrategie

Der Paradigmenwechsel von Besitz auf Zugang findet zunehmend Eingang in die digitale Wirtschaft. So findet anstelle von Assetmanagement sinnvoller Weise Vertragsmanagement Eingang in die Strategieentwicklung.

Erstaunlicherweise wird ein neuer „Besitz“ in Unternehmen häufig noch gar nicht genutzt: die Daten, die aus allen Geschäftsprozessen anfallen. Sie sind in ihrer Zusammensetzung einmalig, unternehmensspezifisch. Sie gehören zum Betriebsvermögen. Dieser „Schatz“ muss gehoben werden.

An dieser Stelle fehlt in vielen Organisationen eine Digital-Strategie, die Antworten gibt auf Fragen wie Welche Daten sammeln wir eigentlich? Wo sammeln wir sie? Können alle auf dieselben Daten zugreifen – und entscheidend: was sagen uns die Daten über uns, unsere Kunden und den Markt?

Das für mich Interessante daran: Wird das Produktivkapital nur noch genutzt und muss nicht mehr finanziert, und unterhalten werden, fällt ein großer Aufwand im Geschäftsbetrieb weg. Dann kann sich die Aufmerksamkeit von Führung dem Humankapital (schreckliches Wort) zuwenden.

Digitalisierung, Strategie, Mensch

Zur Auswertung und Nutzung der gesammelten Daten ist zum einen die digitale Kompetenz und zu anderen die Kreativität der Menschen gefragt, ihr Ideenreichtum. Welche Informationen lassen sich daraus ziehen mit Blick auf Kundennutzen, neue Produkte und Dienstleistungen?

Wir müssen uns den Menschen zuwenden, uns selbst, unseren Mitarbeitern, den Nutzern unserer Daten und unseren Kunden, den Nutzern unserer Produkte.

Dabei müssen wir lernen, loszulassen und neu zu denken. Denn die besten Erfahrungen und Best Practice Beispiele aus der alten, analogen Welt sind für den Umstieg in die digitale Welt nicht nur bedeutungslos, sie behindern den Blick nach vorne.

Loslassen verunsichert, Verlust ist unangenehm, wird gerne vermieden und führt zu Widerstand. Wir müssen lernen, damit umzugehen.

Damit bestätigt sich eine andere, häufig zitierte Aussage:

20 % der Digitalisierung betrifft die Technik/Technologie, 80 % betreffen den Kopf.

Leave A Comment